Juli 2024

Von der Angst zum Vertrauen

Warum wir uns für Jezersko-Solčava-Schafe entschieden haben und wie wir langsam ihr Vertrauen gewonnen haben.

Wenn wir heute auf die Weide gehen, bemerken uns die Schafe oft, bevor wir sie bemerken. Sie heben die Köpfe, eines blökt, dann ein zweites – und schon kommen sie auf uns zu.

Selbstverständlich war so ein Empfang nicht immer. Am Anfang war es genau umgekehrt: Wenn wir uns ihnen näherten, drehten sie sich um und eilten ans andere Ende der Weide.

Dies ist eine Geschichte darüber, wie wir die Tiere für Lunina dolina ausgewählt haben – und darüber, wie lang der Weg von der Angst zum Vertrauen sein kann.

Matjaž mit einem Schaf auf der Weide
Ein Lamm legt vertrauensvoll sein Maul in eine Hand
Ein Jezersko-Solčava-Schaf auf der Weide

Warum Schafe und nicht Ziegen?

Als wir überlegten, welche Tiere uns bei der Pflege der Wiesen helfen könnten, wogen wir zwischen Schafen und Ziegen ab. Beide passen gut zu kleineren Höfen, doch beim Fressen unterscheiden sie sich stark.

Ziegen sind von Natur aus Laubfresser. Am liebsten greifen sie nach Blättern, Trieben, Sträuchern und Rinde, stellen sich geschickt auf die Hinterbeine und erreichen auch höhere Äste. Auf einem Hof, auf dem wir Hunderte junger Bäume gepflanzt haben, hätte das großen Schaden bedeuten können.

Schafe sind vor allem Weidetiere. Den Großteil ihres Futters finden sie am Boden – im Gras und in Kräutern – und Baumrinde fressen sie deutlich weniger als Ziegen.

Das heißt nicht, dass junge Bäume neben Schafen keinen Schutz brauchen. Auch ein Schaf probiert gern einen frischen Trieb, wenn es ihn erreicht. Doch für einen Ort, an dem Bäume und Tiere mit der Zeit zusammenleben sollen, waren Schafe die sinnvollere Wahl.

Warum gerade Jezersko-Solčava-Schafe?

Wir haben uns für das Jezersko-Solčava-Schaf entschieden – eine einheimische slowenische Rasse, die aus der Bergwelt von Jezersko und Solčava stammt.

Es ist eine genügsame, robuste und anpassungsfähige Rasse, an Weidegang und wechselhaftes Wetter gewöhnt. Man erkennt sie an den langen, hängenden Ohren. Die Schafe sind gute Mütter und können das ganze Jahr über lammen, nicht nur zu einer bestimmten Jahreszeit.

Doch bei der Entscheidung ging es nicht nur um die Eigenschaften der Rasse. Einheimische Rassen sind Teil unseres Erbes. Sie sind über Jahrhunderte entstanden, gemeinsam mit den Menschen und der Landschaft, in der sie lebten. Verschwinden sie, verschwindet mit ihnen auch ein Stück Wissen und Vielfalt, das sich nicht mehr zurückholen lässt.

Es schien uns richtig, dass auch wir, wenn wir die Möglichkeit haben, unseren kleinen Beitrag zu ihrer Erhaltung leisten. Nicht als großes Projekt, sondern einfach, indem wir ihnen ein Zuhause geben.

Wolle, die kein Abfall ist

Das Jezersko-Solčava-Schaf ist keine Rasse für feine Wolle. Seine Wolle ist gröber und hat auf dem Markt oft keinen echten Wert, deshalb bleibt sie vielerorts ungenutzt.

Wir verwenden sie im Garten und rund um die gepflanzten Bäume. Auf den Boden gelegt, wirkt sie als Mulch: Sie hält die Feuchtigkeit, bremst das Unkraut und schützt den Boden vor dem Austrocknen. Während sie langsam zerfällt, gibt sie dem Boden Nährstoffe zurück.

So schließt sich der Kreis auf demselben Land: Die Schafe weiden auf den Wiesen, und ihre Wolle hilft den Bäumen beim Wachsen, die eines Tages auch ihnen Schatten spenden werden.

Als sie vor uns davonliefen

Die ersten Wochen mit den Schafen waren für uns eine Lektion in Demut.

Wir hatten uns vorgestellt, zwischen ihnen umherzugehen, sie zu streicheln, und dass sie sich schnell an uns gewöhnen würden. Die Schafe sahen das anders. Sobald wir die Weide betraten, drängten sie sich zusammen und wichen zurück. Machten wir einen Schritt auf sie zu, machten sie zwei von uns weg.

Heute verstehen wir, warum. Schafe sind Beutetiere. Ihr Überleben beruhte jahrhundertelang auf Vorsicht – darauf, zusammenzubleiben und zu fliehen, bevor es zu spät ist. Ein Mensch, der sich schnell nähert, ist für sie zuerst eine Gefahr, ganz gleich, wie gut seine Absichten sind.

Damals begannen wir zu verstehen, dass wir uns ändern mussten, nicht sie.

Langsam, jeden Tag aufs Neue

Wir kamen jeden Tag. Nicht nur, wenn etwas zu erledigen war, sondern auch, wenn wir sie einfach nur ansehen wollten. Wir bewegten uns langsam und ruhig und sprachen mit gedämpfter Stimme.

Viel bewirkte das Füttern. Die Schafe merkten schnell, dass Menschen etwas Gutes bedeuten. Zuerst fraßen sie nur, wenn wir uns zurückzogen. Dann, wenn wir daneben standen. Und eines Tages nahm das erste Schaf das Futter direkt aus der Hand.

Wir begannen, sie beim Namen zu rufen. Das mag ungewöhnlich klingen, doch Schafe erkennen die Stimme und den Tonfall, mit dem man sie ruft. Ein Name, jeden Tag auf dieselbe Weise ausgesprochen, wird zu einem Zeichen: Das ist jemand, den ich kenne.

Solche kleinen Schritte wiederholten sich über Wochen und Monate. Es gab keinen einzelnen Moment, in dem sich alles änderte. Das Vertrauen wuchs leise, fast unmerklich.

Warum Vertrauen so wichtig ist

Vertrauen ist bei uns nicht nur ein schönes Gefühl. Es ist für die tägliche Arbeit unverzichtbar.

Wir ziehen mit den Schafen regelmäßig auf neue Weiden um. So kann sich das Gras auf der abgeweideten Fläche erholen, und die Schafe bekommen immer wieder frisches Futter. Und weil sie uns vertrauen, müssen wir sie nicht einfangen, treiben oder beunruhigen. Meist genügt es, das Tor zu öffnen und sie zu rufen – und sie folgen uns.

Eine Herde, die einem ruhig auf eine neue Weide folgt, bedeutet weniger Stress für die Tiere und weniger Arbeit für die Menschen. Sie ist auch der schönste Beweis dafür, dass die Beziehung, die wir aufgebaut haben, echt ist.

Heute kommen sie uns entgegen

Heute sieht es ganz anders aus. Wenn sie uns sehen, laufen viele zum Zaun. Manche lassen sich hinter den Ohren kraulen, andere stupsen einen sanft mit dem Maul an, als wollten sie sagen, dass sie einen bemerkt haben. Zu den zutraulichsten gehören Erika, Pikica und Špelca – die Lämmer, die wir mit der Flasche aufgezogen haben und von denen die Geschichte »Drei Fläschchen und schlaflose Nächte« erzählt.

Und doch bleiben sie Schafe – vorsichtig bei einem plötzlichen Geräusch, bei fremden Menschen oder einem Hund. Und das ist gut so. Ihr Vertrauen nehmen wir nicht als selbstverständlich.

Jedes Mal, wenn eines von sich aus näher kommt, ist das ein kleines Geschenk. Und eine Erinnerung daran, dass wir es uns verdienen mussten.

Deshalb sagen wir auch unseren Besuchern gern: Jagen Sie ihnen nicht nach. Gehen Sie in die Hocke, warten Sie und lassen Sie sie von selbst kommen. Meistens kommen sie.

Das Vertrauen eines Tieres kann man nicht verlangen. Man kann es sich nur nach und nach verdienen.

Romana und Matjaž

← Alle kleinen Geschichten

Diese Website verwendet Google Analytics zur Auswertung der Besuche. Mit der weiteren Nutzung der Website stimmen Sie dem zu.